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F.A.Z.-Archiv
 
Seitenüberschrift: FEUILLETON
Ressort: Sonntagszeitung
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 06.02.2011, Nr. 5, S. 20


An der Schaubühne wurde "Antigone", in München "Rothschilds Geige" gespielt, und in der Botschaft Tschechiens gab es Kunst zu sehen
 
Kunst

Im Stahlgetwitter
 
Der Künstler Michael Bielicky präsentiert seinen "Garten der Fehler und des Zerfalls"

BERLIN. Für einen Moment dachte man, da machen sie jetzt schon wieder eine Malereiausstellung, da haben sie ein Wandgemälde in der tschechischen Botschaft mit Scheinwerfern angestrahlt - aber dann sah man schon von draußen, dass das hier etwas ganz anderes war: kein Gemälde, sondern eine Filmprojektion, eine Prozession von gezeichneten Figuren, die langsam, wie in einem trägen Fluss, über die Wand trieben. Manchmal nahm jemand eine Art Joystick in die Hand, wie bei einem Videospiel zielte er auf die vorbeitreibenden Figuren, dann gab es einen unterhaltsamen Knall, die Leute freuten sich, und die Figuren auf der Wand schwollen zu doppelter Größe an.

Was bedeutete all das? Das, was man dort an die Wand projiziert hatte, war eine interaktive Arbeit des in Prag geborenen Künstlers Michael Bielicky, der Meisterschüler von Nam June Paik war und seit fünf Jahren Professor für Medienkunst in Karlsruhe ist; sie heißt "Garden of Error and Decay" und entsprach so, wie sie da an der Wand leuchtete, ziemlich genau dem, was Diego Riveras politische Wandmalereien, die sogenannten Murales, für die zwanziger Jahre waren: großformatige Wimmelbilder, die über das aufklären wollen, was die eigene Zeit bestimmt. So etwas findet heute nur noch selten in Ölgemälden statt, allein schon, weil die entscheidende Bildproduktion größtenteils in Medien und Internet abgewandert ist. Dort kann man auch den "Garten" anschauen (www.gardenoferroranddecay.net), und das Erste, was an dieser Website, die man im Rahmen des Prag-Berlin-Festivals für einen Abend zu interaktiven Murales vergrößert hat, auffällt, ist die sanfte Schönheit der Illustrationen: Mit seinen Farben und dem stilisierten hellblauen Mount Fuji im Hintergrund könnte der "Garten" auch ein idyllisches Kinderbuch sein. Aber wie bei Henry Darger sieht man in diesem Idyll bald nur noch Piktogramme des Schreckens: Autos mit rauchenden Auspuffrohren und Terroristen und Ölkannen und Brände und Atomexplosionen, pulsierende, mutierende Icons für alle Probleme der Welt, die sich ständig verändern. Optisch sieht all das sehr schön aus - so, als hätte ein japanischer Grafiker Paul Chans "Happiness after 35 000 Years of Civilization" mit Boschs "Garten der Lüste" und ein paar Kriegsfilmen abgemischt; inhaltlich will das Projekt eine neue Erzählform begründen: das "Data-Driven Narrative". In die Arbeit werden in sogenannter Echtzeit Twitter-Feeds und Börsendaten eingespeist, die das vorbeiziehende Weltenpanorama aus animierten Piktogrammen nach ausgeklügelten Algorithmen verändern, während die eigenen Befehle, die man im Glauben daran gibt, dass man dadurch die virtuelle Welt wie bei einem Videospiel beeinflussen kann, völlig folgenlos bleiben.

Als politische Botschaft wäre das - die Welt wird von vernetzten Machtsystemen und Naturgewalten gesteuert, dir wird nur vorgegaukelt, dass du Gestaltungsmöglichkeiten hättest - ein bisschen sehr Diego-Rivera-haft simpel und misanthropisch. Als Versuch, unsichtbaren globalen Bewegungen im Netz ein Bild zu geben, ist es umso spannender: Was man hier sieht, ist der Anfang einer Kunst, die im Internet sichtbar machen will, was dort, ohne Bilder zu hinterlassen, bestimmt, wie die Dinge hier und anderswo aussehen.

Niklas Maak
 
 
Bildunterschrift: Wenn sich hier was ändert, dann wegen der Börse: Bielickys "Garten"

Foto Bielicky

 
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Seitenüberschrift: Feuilleton
Ressort: Sonntagszeitung
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 26.09.2004, Nr. 39, S. 33


DEUTSCHLAND DE LUXE

Bielicky
 
VON GEORG DIEZ

Wir standen vor dem Haus mit der Nummer 24 und schauten die Straße entlang auf die breite Fassade der Volksbühne, wo gerade die Köpfe von Claudia Schiffer, Kofi Annan und Saddam Hussein herabsegelten. Nur der Kunstkenner neben mir schaute nicht auf das Kunstwerk, sondern auf die Beine des jungen Mädchens vor ihm.

Sie hatte rosa Strümpfe an und einen Rock, der bis zum Knie reichte. Der Mann neben mir hatte ein Gesicht, das blaß war und etwas mager. Vorher hatte er ein paar Worte auf seinen Block gekritzelt und in seiner Mappe geblättert. Jetzt schaute er mal zu den fallenden Köpfen, die als eine Art Zeitkritik gemeint sein konnten oder auch nur schön waren, mal schaute er auf die Beine des Mädchens, die ganz unkritisch waren und wirklich schön. Er lächelte so ein Lächeln, wie es jemand tut, der sich dabei selbst von außen beobachtet. In diesem Moment sah er aus wie jemand, der gegen jede Wahrscheinlichkeit glücklich sein will.

Vor dem Haus mit der Nummer 24 standen jetzt zehn Menschen um den Künstler Mischa Bielicky herum, der sich diese Videoprojektion ausgedacht hatte. Er trug eine schwarze Jacke, wie sie wohl nur Videokünstler tragen, eine Art asiatische Sakko-Variante, und dazu eine schwarze Hose und eine Glatze. Neben ihm stand seine schmale, sympathische Freundin. Auch Bielickys Bruder war da, ein Hautarzt aus Düsseldorf, der seine Digitalkamera dazu benutzte, die Bilder seiner beeindruckenden Sammlung tschechischer Malerei zu zeigen. Ein Mann sagte ein paar Worte zur Begrüßung. Wir waren die kleinste Vernissage an diesem großen Berliner Kunstwochenende.

Da war das Art-Forum, wo sich die Menschen in den gutgeschnittenen Anzügen kenntnisreich durch die Gänge schoben. Da waren die hellen Fenster der Galerien, die in die Nacht leuchteten, wie ein Versprechen, an das niemand glaubt. Da war die Party des Art-Forums in der Volksbühne, wo viel Englisch geredet wurde und etwas Französisch. Und am Dienstag würde noch der große Flick-Auftrieb folgen, wo vor allem Deutsch gesprochen werden würde. Es war ein Moment der Stille, wir zehn vor der Nummer 24, während um uns die Kultur tobte.

Der Mann neben mir strahlte. Er gratulierte dem Künstler Bielicky, er redete mit dem Leiter der deutsch-tschechischen Kulturwochen, er schaute sich noch mal die fallenden Gesichter an und sagte laut: "Toll." Dann sagte er: "Ich muß hier weg."

Ich fuhr danach zu den Kunst-Werken, wo die Party leider einen Abend vorher stattgefunden hatte, ich ging in die Volksbühne und bediente mich am thailändischen Buffet, ich saß kurz auf der Treppe und ging dann in die Galerie nebenan, die noch offen hatte und von wo mich ein junger Mann vertrieb, der sich die geometrischen Bilder ansah und mich mit dem Ruf verfolgte: "Das Karo, haben Sie gesehen, das Karo ist zurück!?"

Vor der Galerie traf ich Mischa Bielicky mit seiner Freundin. Der Projektor sei kaputt, sagte er, sie müßten aufs Dach und nachschauen. Dann verschwanden sie im Dunkel.

Vor dem Haus mit der Nummer 24 blieb ich kurz stehen und drehte mich um. Die Nacht hatte die Kunst einfach verschluckt.
 
 
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Seitenüberschrift: Gesellschaft
Ressort: Sonntagszeitung
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 25.04.2004, Nr. 17, S. 63


Was wollt Ihr eigentlich?
 
Jetzt mal ehrlich: Warum sollte uns Ihr Land interessieren? Solche unverschämten Fragen haben wir Künstlern und Intellektuellen aus den neuen EU-Ländern gestellt.

Estland.

Tõnu Õnnepalu (Emil Tode), geboren 1962, ist Schriftsteller. Sein Romandebüt "Im Grenzland" wurde mehrfach ausgezeichnet.

Was hat Ihr Land eigentlich in der EU zu suchen?

Wir wollen auch Römer sein.

Gegen wen darf Ihr Land auf keinen Fall im Fußball verlieren?

Lettland? Andorra? Liechtenstein?

Die Deutschen wären gerne Italiener. Welches Volk wären Sie eigentlich lieber?

Da die Jung'sche Quaternität immer zu stimmen scheint, sagen wir mal: Es gibt vier Arten von Esten. Die ersten wollen Deutsche sein (ein großes Auto besitzen), die zweiten möchten Amerikaner sein (ein noch größeres Auto besitzen), die dritten sind wie Franzosen (sie sind stolz und zufrieden mit ihrem kleinen Auto), und die vierten wollen einfach nur Esten sein (denn was bleibt ihnen anderes übrig?).

Was stinkt Ihrem Land an Deutschland?

Ihr seid uns zu ähnlich. Oder wir sind euch zu ähnlich. Wie eine große und eine kleine Karikatur.

Welches Gebäude in Ihrem Land gehört auf jeden Fall gesprengt?

Warum sprengen? Wir haben doch schon so viele Ruinen. Laßt sie stehen. Früher oder später fallen alle Gebäude von selber um. Oder verbrennen. Und dann kommt da ein neuer Supermarkt hin.

Für welche Eigenschaft Ihres Landes schämen Sie sich?

Der Drang meines Volkes, es anderen Völkern recht zu machen. Ich halte es nicht aus, in einem Café zu sitzen, während am Nebentisch ein Este Englisch spricht.

Welches Buch, welchen Film, welche Popgruppe aus Ihrem Land sollten wir gefälligst kennen?

Ich hasse "müssen".

Mit welchen Errungenschaften Ihres Landes schmücken sich andere?

Zum Beispiel der Embryologe Karl Ernst von Baer und der Antarktisforscher Fabian von Bellinghausen sollen (den Russen zufolge) Russen sein. In Wirklichkeit kamen sie aus Estland.

Wer kommt aus Ihrem Land, und keiner weiß es?

Arvo Pärt, der Komponist (er lebt seit langer Zeit in Berlin).

Die wichtigste Frau, der schönste Mann?

Lydia Koidula, die Dichterin (in der Geschichte), und Kristiina Smigun, die Skifahrerin (in der Gegenwart). Und Arnold Rüütel, unser Präsident (für immer).

Lettland.

Helena Demakova, geboren 1959, ist Kunstkuratorin und Kulturhistorikerin. Und sie ist Kulturministerin der Republik Lettland.

Was hat Ihr Land eigentlich in der EU zu suchen? Die frechste Frage, die ich in der letzten Zeit gehört habe.

Was soll denn Deutschland in der EU suchen?

Gegen wen darf Ihr Land auf keinen Fall im Fußball verlieren?

Sie meinen bestimmt Rußland, aber Weißrußland ist noch schlimmer.

Die Deutschen wären gerne Italiener. Welches Volk wären Sie eigentlich lieber?

Großletten.

Was stinkt Ihrem Land an Deutschland?

Meine vielen Freunde in Deutschland stinken nicht.

Welches Gebäude in Ihrem Land gehört auf jeden Fall gesprengt?

Ziemlich viele, wie in jeder Metropole, die in einer Übergangsphase gebaut wurde. Aber das Kulturministerium hat keinen Sprengstoff.

Für welche Eigenschaft Ihres Landes schämen Sie sich?

Genügsamkeit.

Welches Buch, welchen Film, welche Popgruppe aus Ihrem Land sollten wir gefälligst kennen?

Was ist dieses "wir"? Ich vertrete eine bürgerliche Partei, die für individuelle Wahl in Sachen Kunst und Kultur steht.

Mit welchen Errungenschaften Ihres Landes schmücken sich andere?

Mit der Überfülle an weißen Störchen.

Wer kommt aus Ihrem Land, und keiner weiß es?

Einige wissen schon, daß wir einen ganz coolen Direktor der Nationaloper haben.

Die wichtigste Frau, der schönste Mann?

Die schönsten und klügsten Männer kreisen um unsere wichtigste Frau - die Präsidentin Vaira Vike-Freiberga.

Litauen.

Saulius Vaitiekunas, geboren 1953, ist einer der bekanntesten Installationskünstler Litauens.

Was hat Ihr Land eigentlich in der EU zu suchen?

Von der EU wollen wir nichts, wir wollen nur noch weniger von der ehemaligen Sowjetunion.

Gegen wen darf Ihr Land auf keinen Fall im Fußball verlieren?

Erst mal müssen wir Estland schlagen, die sind auch nicht viel besser als wir. Dann machen wir uns Gedanken über den Rest.

Die Deutschen wären gerne Italiener. Welches Volk wären Sie eigentlich lieber?

Sicher keine Deutschen.

Was stinkt Ihrem Land an Deutschland?

Es ist so sauber bei euch!

Welches Gebäude in Ihrem Land gehört auf jeden Fall gesprengt?

Im Zentrum von Vilnius soll ein Palast rekonstruiert werden, aber niemand kann sich erinnern, wie er mal aussah. Die Baustelle sollte sofort zerstört werden.

Für welche Eigenschaft Ihres Landes schämen Sie sich?

Nie bringen wir die Dinge zu Ende. Bevor wir nicht drin sind, glaube ich auch noch nicht, daß wir es in die EU schaffen.

Welches Buch, welchen Film, welche Popgruppe aus Ihrem Land sollten wir gefälligst kennen?

Eimuntas Nekrosius, den Theaterregisseur.

Mit welchen Errungenschaften Ihres Landes schmücken sich andere?

Mit dem Babymachen.

Die wichtigste Frau, der schönste Mann?

Meine Mama. Und Arvydas Sabonis, der Basketballspieler. Er ist 2,20 Meter groß. Nach dem EU-Beitritt werden hoffentlich alle Litauer so groß werden.

Malta.

Joseph Calleja, geboren 1978, Tenor. Er ist der neue Stern am Opernhimmel.

Was hat Ihr Land eigentlich in der EU zu suchen?

Wir wollen gar nichts außer einem erneuten Check - nota bene: nicht Scheck!

Gegen wen darf Ihr Land auf keinen Fall im Fußball verlieren?

Wir sind nur so schlecht im Fußball, weil der Ball beim Training ständig im Meer landet.

Die Deutschen wären gerne Italiener. Welches Volk wären Sie eigentlich lieber?

Malteser sein ist gut genug.

Was stinkt Ihrem Land an Deutschland?

So komisch es auch klingt, wir mögen die Deutschen ganz gerne.

Welches Gebäude in Ihrem Land gehört auf jeden Fall gesprengt?

"Mount Maghtab", unser Müllberg, der große Teile des Nordens verschmutzt.

Für welche Eigenschaft Ihres Landes schämen Sie sich?

Den Denkmalschutz.

Welches Buch, welchen Film, welche Popgruppe aus Ihrem Land sollten wir gefälligst kennen?

"Scream Daisy", eine großartige Pop-Band.

Mit welchen Errungenschaften Ihres Landes schmücken sich andere?

Mit dem ältesten Gebäude aus Stein. Unsere sind viel älter als Stonehenge oder die Pyramiden.

Wer kommt aus Ihrem Land, und keiner weiß es?

Unsere besten Wissenschaftler haben gerade herausgefunden, daß die meisten unserer Bauunternehmer tatsächlich von Menschen abstammen. Bisher dachte man, sie seien aus Beton.

Die wichtigste Frau, der schönste Mann?

Meine Frau/Alle meine Freunde sind wunderschön - von innen.

Polen.

Krzysztof Zielinski, geboren 1974, studierte Fotografie in Prag.

Er ist eine große Nachwuchshoffnung der polnischen Kunst.

Was hat Ihr Land eigentlich in der EU zu suchen?

Seelenfrieden, vermute ich . . .

Gegen wen darf Ihr Land auf keinen Fall im Fußball verlieren?

Brasilien.

Die Deutschen wären gerne Italiener. Welches Volk wären Sie eigentlich lieber?

Es kommt mir vor, als ob die Leute generell recht zufrieden damit sind, Polen zu sein. Einige konzentrieren sich in letzter Zeit ein bißchen zu sehr darauf. Traditionell wollten die Polen immer Amerikaner sein, aber eigentlich wollten sie nur in Amerika leben und ein polnisches Leben führen (deswegen gibt es dort auch so viele Polen-Witze).

Was stinkt Ihrem Land an Deutschland?

Ordnung und Disziplin - wir machen Witze darüber, die eigentlich nur unsere eigenen Defizite auf diesem Gebiet verbergen sollen.

Welches Gebäude in Ihrem Land gehört auf jeden Fall gesprengt?

Keines.

Für welche Eigenschaft Ihres Landes schämen Sie sich?

Es kommt zwar nicht häufig vor, aber wenn sie auftritt, dann kann ich es nicht aushalten: Fremdenfeindlichkeit.

Welches Buch, welchen Film, welche Popgruppe aus Ihrem Land sollten wir gefälligst kennen?

Witold Gombrowicz: "Trans-Atlantik". Film: Krzysztof Kieslowski, "Dekalog". Und jedes Buch von Ryszard Kapuscinski.

Mit welchen Errungenschaften Ihres Landes schmücken sich andere?

Da gibt es einige Fälle, aber kürzlich habe ich sogar gehört, daß die Deutschen Kopernikus zu einem der wichtigsten Deutschen aller Zeiten gewählt haben.

Wer kommt aus Ihrem Land, und keiner weiß es?

Frédéric Chopin steht wohl ganz oben auf dieser Liste.

Die wichtigste Frau, der schönste Mann?

Meine Mutter? Und einer mit Schnurrbart natürlich.

Slowakei.

Peter Machajdik, geboren 1961, ist Komponist und lebt in Berlin. 2004 ist er Stipendiat der Stiftung Kulturfonds.

Was hat Ihr Land eigentlich in der EU zu suchen?

Frage ich mich auch.

Gegen wen darf Ihr Land auf keinen Fall im Fußball verlieren?

Malta, Liechtenstein, Zypern.

Die Deutschen wären gerne Italiener. Welches Volk wären Sie eigentlich lieber?

Bin zufrieden, auch wenn die Slowaken mir oft auf die Nerven gehen.

Was stinkt Ihrem Land an Deutschland?

Die Lautstärke und das manchmal übertriebene Selbstbewußtsein der Deutschen, vor allem wenn sie außerhalb Deutschlands sind.

Welches Gebäude in Ihrem Land gehört auf jeden Fall gesprengt?

Der in den siebziger Jahren gebaute rote Zusatzbau vor dem Gebäude der slowakischen Nationalgalerie in Bratislava.

Für welche Eigenschaft Ihres Landes schämen Sie sich?

Faulheit, Unordentlichkeit, Schlamperei.

Welches Buch, welchen Film, welche Popgruppe aus Ihrem Land sollten wir gefälligst kennen?

An Filmen vielleicht "Der Garten" von Martin Sulik und alles von Juraj Jakubisko. Die Popmusik ist leider ziemlich schlecht.

Mit welchen Errungenschaften Ihres Landes schmücken sich andere?

Mit keinen.

Die wichtigste Frau, der schönste Mann?

Meine Kinder.

Slowenien.

Slavoj Zizek, geboren 1949, ist Psychoanalytiker und Professor für Philosophie an der Universität Lubljana.

Was hat Ihr Land eigentlich in der EU zu suchen?

Es ist doch die EU, die ihre Identität sucht - und Slowenien will einfach nur an dieser Suche teilhaben.

Gegen wen darf Ihr Land auf keinen Fall im Fußball verlieren?

Ich freue mich immer, wenn Slowenien verliert.

Die Deutschen wären gerne Italiener. Welches Volk wären Isländer.

Was stinkt Ihrem Land an Deutschland?

Ihre Obsession mit analer Erotik.

Welches Gebäude in Ihrem Land gehört auf jeden Fall gesprengt?

Alle Bauten unseres "großen" Architekten Joze Plecnik.

Für welche Eigenschaft Ihres Landes schämen Sie sich?

Wir sind geiziger als die Schotten.

Welches Buch, welchen Film, welche Popgruppe aus Ihrem Land sollten wir gefälligst kennen?

Ich lese keine slowenischen Bücher, ich schaue keine slowenischen Filme, ich höre keine slowenische Popmusik. Vielleicht sollte man die Bücher von Peter Mlakar lesen. Sie zeugen von einer seltenen ethischen Haltung.

Mit welchen Errungenschaften Ihres Landes schmücken sich andere?

Mit Oberkrainer Musik.

Die wichtigste Frau, der schönste Mann?

Sie kommt aus Argentinien, nicht aus Slowenien. Und mein Sohn Tim.

Tschechische Republik.

Michael Bielicky, geboren 1954, arbeitet als Medienkünstler und Kunstprofessor in Prag.

Was hat Ihr Land eigentlich in der EU zu suchen?

Das gleiche, was Deutschland dort sucht.

Gegen wen darf Ihr Land auf keinen Fall im Fußball verlieren?

Gegen die russische Eishockeymannschaft.

Die Deutschen wären gerne Italiener. Welches Volk wären Sie eigentlich lieber?

Amerikanische Indianer.

Was stinkt Ihrem Land an Deutschland?

Daß man den Münchener Flughafen nach Franz Josef Strauß benannt hat.

Welches Gebäude in Ihrem Land gehört auf jeden Fall gesprengt?

Das Geburtshaus des ersten kommunistischen Präsidenten Klement Gottwald.

Für welche Eigenschaft Ihres Landes schämen Sie sich?

Neid.

Welches Buch, welchen Film, welche Popgruppe aus Ihrem Land sollten wir gefälligst kennen?

Buch: "Ich habe den englischen König bedient" von Bohumil Hrabal. Film: "Fall für einen beginnenden Henker" von Pavel Juracek.

Mit welchen Errungenschaften Ihres Landes schmücken sich andere?

Mit der Entdeckung der Quelle des Flusses Amazonas.

Die wichtigste Frau, der schönste Mann?

Ivana Trump und Spejbl, der Vater von Hurvinek (die berühmteste tschechische männliche Marionette).

Ungarn.

László Darvasi, geboren 1962, ist Journalist. Sein Roman "Die Legende von den Tränengauklern" wurde mehrfach ausgezeichnet.

Gegen wen darf Ihr Land auf keinen Fall im Fußball verlieren?

Wir haben schon alles verloren. Wir haben keinen Fußball mehr, nur so etwas ähnliches. Lothar Matthäus weiß das auch schon.

Die Deutschen wären gerne Italiener. Welches Volk wären Sie eigentlich lieber?

Ich bin ganz gern Ungar. Dieser Zustand ist ein phantastisches Abenteuer. Wenn man Ungar ist, ist dieses Leben anstrengend, unbequem, schön, ein bißchen Wahnsinn, kann man noch mehr wollen?

Was stinkt Ihrem Land an Deutschland?

Ich bin ganz gern in Deutschland. Ruhiger Zustand. Berlin finde ich wunderbar. Nicht so schön wie Budapest, aber spannender. Und größer.

Welches Gebäude in Ihrem Land gehört auf jeden Fall gesprengt?

Also, unser Parlament ist zu groß, es gehört in ein größeres Land.

Was hat Ihr Land eigentlich in der EU zu suchen?

Sicherheit und Hoffnung auf Zukunft. Und Ruhe, weil Ungarn ein sehr hektisches Land ist.

Wer kommt aus Ihrem Land, und keiner weiß es?

Nein, so jemanden gibt es nicht. Ein Ungar hat keine Geheimnisse.

Die wichtigste Frau, der schönste Mann?

Frauen sind alle wichtig! Der schönste Mann ist vielleicht der Schriftsteller und Politiker Arpad Göncz.

Zypern.

Glavkos Koumides, geboren 1950, ist Maler, Bildhauer und Autor des Gedichtbandes "Verrückte Kausalität".

Was hat Ihr Land eigentlich in der EU zu suchen?

Sicherheit und Identität! Auch billigere Flüge . . . nach Spanien. Da will ich im Sommer hinfliegen.

Gegen wen darf Ihr Land auf keinen Fall im Fußball verlieren?

Gegen die Türkei.

Die Deutschen wären gerne Italiener. Welches Volk wären Sie eigentlich lieber?

Verzweifelt bemühen wir uns zur Zeit, Griechen zu bleiben. Alles andere wäre unter diesen Umständen purer Luxus.

Was stinkt Ihrem Land an Deutschland?

Deutschland war nie als Besatzungsmacht präsent. Das macht die Deutschen sympathisch, abgesehen von den üblichen Klischees: überdiszipliniert, pünktlich, sachlich. Tugenden, die bei uns nicht sehr groß geschrieben werden.

Welches Gebäude in Ihrem Land gehört auf jeden Fall gesprengt?

Das protzige Bankgebäude gegenüber meiner Wohnung. Es verbirgt die Palmen. Macht alles platt, stilistisch, stadtplanerisch und finanziell.

Für welche Eigenschaft Ihres Landes schämen Sie sich?

Die Eßsucht und die Laufscheue. Das hat mit psychischem Frust zu tun und mit den vielen dicken Autos, die hier ostentativ herumfahren.

Welches Buch, welchen Film, welche Popgruppe aus Ihrem Land sollten wir gefälligst kennen?

Es ist keine Popmusikgruppe, aber wenn Pop tatsächlich "populär" heißt, dann nenne ich die Gruppe "Epea Pteroenta".

Mit welchen Errungenschaften Ihres Landes schmücken sich andere?

Mir fällt wirklich nichts ein.

Wer kommt aus Ihrem Land, und keiner weiß es?

Zenon, der stoische Philosoph. Aber auch George Michael, der Popsänger. Aphrodite? Aber das wissen Sie schon.

Die wichtigste Frau, der schönste Mann?

Die wenigen weiblichen Parlamentsabgeordneten und der Kioskbesitzer gegenüber. Er verkauft Zigaretten und Aspirin, auch um drei Uhr morgens.

Übersetzungen: Hannah Pilarczyk und Sebastian Esser
 
 
Bildunterschrift: Der röhrende Hirsch gehört auch im tschechischen Kuks zum Kulturgut - darin ist die Jury sich offenbar einig.

Foto M. Kollar/Vu/LAIF.

Lesen, bis die Wimpern klimpern - in Bratislava, Slowakei.

Foto M. Kollar/Vu/LAIF

 
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Seitenüberschrift: Feuilleton
Ressort: Feuilleton
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.09.2001, Nr. 220, S. 62


Zerbrochene Intentionen

Leerstellen der Erinnerung: Ein Besuch im Jüdischen Museum Berlin / Von Elena Lappin
 
Das Jüdische Museum in Berlin zu betreten unterscheidet sich nicht sonderlich vom Betreten eines Flugzeugs. Die selben scharfen Kontrollen, die dieser Tage unweigerlich an Amerika denken lassen, die selbe Durchleuchtung von Handgepäck und beim Passieren der Schleuse das übliche Alarmsignal, das etwas Metallisches anzeigt, das ich an mir, vielleicht in mir habe. Ich weiß nicht, was es ist. Eine Angestellte tastet mich jedesmal ab, und schließlich darf ich an Bord des Flugzeugs gehen - oder jetzt das Museum betreten. Ich schaue mich um, sehe die Menschen neben mir und bemerke sofort die Ironie: Es sind Holocaust-Überlebende, viele von ihnen sind aus Israel angereist und bemühen sich zu zeigen, daß sie keine Gefahr für diese Holocaust-Gedenkstätte darstellen, die auf deutschem Boden errichtet wurde. Bereitwillig lassen sie die Prozedur über sich ergehen.

Ich bin noch nicht einmal in der Cafeteria, und schon habe ich das verbotene Wort "Holocaust" zweimal verwendet und womöglich viermal gedacht. Das ist mein Fehler, denn auf der Pressekonferenz kurz zuvor war erklärt worden, daß es in diesem Museum nicht in erster Linie und nicht ausschließlich um den Holocaust geht. Der Direktor, Michael Blumenthal, meinte sogar, daß das Museum nicht für Juden gedacht sei. "Es ist ein Museum für die Deutschen. Die Juden brauchen es nicht." Der Architekt Daniel Libeskind sprach von der "zweitausendjährigen Geschichte der Juden in Deutschland, die nicht nur eine Geschichte des Holocaust ist". Beide schienen äußerst zufrieden mit dem Museum und gratulierten einander zum Erfolg ihres Projekts. Blumenthal lobte Libeskinds Gebäude, und Libeskind räumte großzügig ein, daß der Bau durch das Museum gewonnen habe.

Ich wünschte, ich hätte Libeskinds Architektur noch im leeren Zustand besichtigt. An diesem regnerischen Montag wirkt die metallische Verkleidung des Zickzackgebäudes so stumpf, daß sie gut zur der Häßlichkeit der Hochhäuser ringsum paßt. Nach der Pressekonferenz, die an einem anderen Ort stattgefunden hat, muß ich mich zum Museum durchfragen. Eine ältere Frau, bei der ich mich - nur wenige Meter von Libeskinds auffälligem Bau entfernt - nach dem Jüdischen Museum erkundige, mustert mich mißtrauisch und meint unwirsch, sie habe keine Ahnung. Ob sie dem Typus des Besuchers entspricht, den Blumenthal in sein Museum holen will?

Im Innern versuche ich zunächst einen Bezug zu den Linien und Winkeln herzustellen. Aus Interviews und Artikeln weiß ich, daß Libeskind den Davidstern dekonstruiert hat, und nun will ich sehen, wie sein Experiment wirkt. Anfangs bin ich ein wenig verwirrt, doch bald erkenne ich, daß man sich nur in einer, höchstens zwei Richtungen bewegen kann. Alles wird bezeichnet und erklärt. Es gibt die Achse der Kontinuität, die Achse des Exils, den Memory Void, den Holocaust-Turm. Alles ist sehr sauber und ordentlich und klar. Doch als ich anfange, die kleinen Schilder zu lesen, beginne ich mich zu ärgern. "Der Architekt Daniel Libeskind", steht da, "fordert uns zum Nachdenken auf: über den Holocaust und über die Menschen, die fliehen konnten, über Kontinuität und die Menschen, die weiterleben." Libeskinds Markenzeichen sind die "Voids", vertikale Leerräume, die eigentlich auch ohne Erläuterung aussagekräftig sind. Doch selbst hier wird man belehrt: "Mit den Voids symbolisiert Daniel Libeskind den Verlust, den die Vernichtung der europäischen Juden in der deutschen und europäischen Geschichte hinterlassen hat."

Ich betrete die Voids - mit meinen Empfindungen, nicht mit denen, die Libeskind in mir wachrufen möchte. Eine junge Frau öffnet mir die schwere Tür zum Holocaust-Turm. Er ist hoch, kalt, fensterlos, nur durch kleine Öffnungen fällt von oben Tageslicht herein. Mir ist völlig klar: Hier soll ich Furcht, Angst, Einsamkeit empfinden - nachempfinden. Tatsächlich aber fühle ich mich beinahe wohl in diesem Raum, der nach der aufgeregten Menschenmenge draußen Ruhe bietet. Weiter zur Leerstelle des Gedenkens: wieder ein kathedralenartiger vertikaler Raum, dessen Boden mit einer Installation des israelischen Künstlers Menashe Kadishman bedeckt ist. Sie heißt "Gefallenes Laub" und besteht aus einem Haufen rostiger Metallscheiben mit eingefrästen Löchern für Augen, Nase und Mund. Man kann über die Gesichter hinweggehen oder auf ihnen stehenbleiben. So mag, nein soll man der Toten gedenken. Diese Installation ist so überflüssig, daß ich versuche, mir den Void ohne die Metallscheiben vorzustellen. Was bleibt? Ein leerer Raum, der nichts symbolisiert.

Meine Enttäuschung über Architektur und künstlerische Ausstattung des Museums wäre komplett, hätte ich nicht die große Menora aus Stahl entdeckt, ein Werk des jungen tschechischen Künstlers Michael Bielicky mit dem schlichten Titel "Menora, 2001". Sie steht in einem der Gänge und ist so eindrucksvoll, daß ich mich auf eine Bank setzen muß, um sie eine Weile zu betrachten. Auf jedem Arm der Menora ist ein kleiner Fernsehbildschirm befestigt, auf dem pausenlos das Schwarzweißvideo einer Flamme zu sehen ist. Ohne jede Erläuterung geht von dieser Menora eine außerordentliche Wirkung aus. Sie löst eine emotionale, dabei unsentimentale Empfindung dafür aus, daß eine Verbindung zwischen den Toten und den Lebenden, zwischen Vergangenheit und Gegenwart existiert. Anders als bei Libeskinds Architektur geht es bei dieser Installation nicht um den Künstler, sondern um andere Menschen. Es wird häufig übersehen, daß Libeskinds erster Museumsentwurf "Namen-Modell" hieß, weil an den Wänden des Hauses die Namen von ermordeten Juden verzeichnet werden sollten. Von diesem Konzept sind nur die leeren Wände geblieben - heute steht dort bloß der Name Libeskind. Dasselbe gilt für die Voids. Auch dort wird man aufgefordert, so zu denken, so zu empfinden wie der Architekt. Ein egomanischeres Monument kann ich mir kaum vorstellen. Es zwingt einen geradezu, sich von den Intentionen des Architekten zu distanzieren. Und das dürfte genau das Gegenteil dessen sein, was Libeskind wollte.

Zurück zu Bielickys Menora. Ich habe Glück, der Künstler ist gerade anwesend und erklärt mir, wie sein scheinbar so simples Objekt funktioniert. In der Bank, auf der ich sitze, befindet sich ein Sender, dessen Impulse auf die Bildschirme übertragen werden. Wenn Besucher vorbeigehen, stören sie das Signal: Das Judentum, heißt das, ist lebendig, die Flamme mag für einen Moment erlöschen, aber sie wird rasch weiterflackern. Ursprünglich, so Bielicky, sollte seine Menora die Leerstelle des Gedenkens füllen. Dann aber entschied sich Libeskind für Kadishmans Installation. Natürlich war Bielicky enttäuscht, vor allem, weil er Kadishmans Arbeit aus künstlerischen Gründen ablehnt. Er wandte sich sogar schriftlich an den Projektmanager des Museums, erhielt aber keine Antwort. Sein Brief ist in zweierlei Hinsicht aufschlußreich. Er dokumentiert die Entwicklung der Ausstellung und formuliert Bielickys Auffassung über Kunst, die den Holocaust thematisiert. "Ich halte es für sehr problematisch, etwas so Unbeschreibbares wie den Holocaust in konkreter, bildhafter Form ausdrücken zu wollen. Nach Gesprächen mit meiner Mutter und ihrer Schwester, die zwei Jahre in Auschwitz war, kann ich mir kein Kunstwerk denken, das den Massenmord an den Juden darstellen könnte." Und: "Es widerspricht jüdischer Vorstellung, ein konkretes Abbild von Leiden zu schaffen."

Auch die Ausstellungsgestalter, die den Libeskind-Bau mit Zeugnissen der zweitausendjährigen Geschichte der Juden in Deutschland gefüllt haben, hatten eine Wahl zu treffen. Sie entschieden sich für eine minimalistische Präsentation von persönlichen Gegenständen. Ich komme mir daher, während ich in die Vitrinen blicke, wie eine Voyeurin vor, die in anderer Leute Privatleben schnüffelt: Tagebücher, Postkarten, Spielzeug, Schmuck, Koffer. Vermutlich haben Überlebende diese Dinge dem Museum geschenkt - voller Stolz und in der Hoffnung, jüngeren Generationen einen Zugang zur Vergangenheit zu öffnen. Und doch hatte ich das bestimmte Gefühl, daß es mir nicht zustehe, all diese intimen Dinge aus solcher Nähe zu betrachten.

Erstauntlich ist die geringe Anzahl der Exponate. Das Museum erschien leer. Eine alte Dame, die neben mir auf der Bank vor der Menora saß, stimmte mir zu. "Von uns ist doch nichts mehr übrig, was wollen sie denn hier noch zeigen?" Und dann erzählte sie von sich. Sie sprach von ihrem eigenen Holocaust und wie sie ihn überlebt hatte. Sie öffnete ihre Handtasche und zeigte mir zwei Gegenstände, die die Museumsleute bestimmt gern hätten - ihren gelben Davidstern mit Aufnähspuren und den letzten Brief, den ihre Mutter 1942, bevor sie nach Auschwitz deportiert und dort ermordet wurde, geschrieben hatte. Die Dame hat den Davidstern und den Brief immer in ihrer Tasche. "Meine Kinder wissen nichts davon. Ich weiß selbst nicht, warum ich Ihnen das erzähle. Und jetzt geben Sie ihn mir bitte zurück, er gehört mir."

Dieser Moment, in dem ich den Davidstern in der Hand hielt, war bewegender, wichtiger, lehrreicher als alles, was dieses Museum zu bieten hat. Muß ich das näher erklären? Blumenthal glaubt, ein lebendiges Museum geschaffen zu haben, doch davon kann trotz eines verlockenden Multimedia-Angebots keine Rede sein. Das Jüdische Museum Berlin ist eine Verlängerung jener Faszination, die tote Juden auf das moderne Deutschland ausüben. Vielleicht mußte die offizielle Eröffnung deshalb den Charakter einer feierlichen Zeremonie haben. Nach den Worten des Bundespräsidenten zeige das Museum, daß die jüdisch-deutsche Geschichte mehr sei als Holocaust und "Drittes Reich". Tatsächlich zeigt das Museum die völlige Unsicherheit der Deutschen darüber, was ihre Geschichte eigentlich ausmacht. Statt die eigene Geschichte zu betrachten, konzentrieren sich deutsche Historiker auf Juden. Die besten Untersuchungen zur jüngeren deutschen Geschichte stammen von britischen und amerikanischen Historikern, während es an deutschen Universitäten zahllose Lehrstühle für Judaistik gibt. Doch all dieser wissenschaftlichen Erforschung zum Trotz gelingt es dem Berliner Museum nicht, die jüdische Geschichte zu erklären, weil übersehen wird, daß die deutschen Juden nur ein kleiner Teil des jüdischen Volkes sind, dessen Ursprünge in Palästina liegen, nicht in Europa. Indem das Museum die deutschen Juden als talentierte, erfolgreiche, aber stets exotische Minderheit präsentiert, zeichnet es ein Bild von Deutschland als einer Gesellschaft, die für Menschen anderer Hautfarbe, Religion und Kultur verschlossen bleibt. Im besten Fall wurden oder werden diese Menschen toleriert, im schlimmsten Fall wurden sie vertrieben oder vernichtet.

Besucher des Jüdischen Museums können nach ihrem Rundgang befinden, ob das moderne Deutschland eine offene, multikulturelle Gesellschaft ist, indem sie einen grünen Knopf für "Ja" oder einen roten für "Nein" drücken. Wer mag sich dieses Spielchen ausgedacht haben? Ist nach dem Besuch eines Museums, das die schreckliche Vergangenheit Deutschlands dokumentiert, das Positive nicht offensichtlich? Die Antwort muß bestimmt leichtfallen. Man drückt einfach den grünen Knopf und geht mit guten Gefühl hinaus. An dem Apparat hängt jedoch ein handgeschriebener Zettel: "Zur Zeit noch nicht in Funktion."

Aus dem Englischen von Matthias Fienbork.

Elena Lappin lebt als Schriftstellerin in London. Zuletzt erschien "Natashas Nase" (Kiepenheuer und Witsch).
 
 
Bildunterschrift: "Tatsächlich zeigt das Museum die völlige Unsicherheit der Deutschen, was ihre Geschichte eigentlich ausmacht."

Foto Barbara Klemm

 
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Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.11.2000, Nr. 276, S. 71


Architekturstudenten stellen in Centralstation aus
 
ziz. DARMSTADT. Ausgewählte Arbeiten der Architekturstudenten der Technischen Universität zeigt der Fachbereich Architektur von heute an bis zum folgenden Wochenende in der Centralstation. Neben Entwürfen aus Architektur und Städtebau werden Arbeiten aus den Fächern Zeichnen, Malen, Siebdruck und plastisches Gestalten gezeigt. Auch computergestützte Projekte, die neue Entwurfsmethoden simulieren, werden zu sehen sein. Michael Bielicky, der Gründer des Instituts für Videokunst und Neue Medien an der Akademie der Künste in Prag, wird die Ausstellung mit eigenen Beiträgen ergänzen. Einen Katalog mit den ausgestellten Objekten kann man kaufen. Werktags ist die Ausstellung von 16 bis 24 Uhr geöffnet, am Samstag von 10 bis 3 Uhr und am Sonntag von 10 bis 21 Uhr.
 
 
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